Von einer mexikanischen Pflanze des Wahrsagesalbeis wurde nie ein voll entwickeltes Nüsschen gesammelt, also kein reifer Samen. Das schreibt der Botaniker Aaron Reisfield in seiner Monografie The botany of Salvia divinorum (Sida 15, 1993). Die Art verbreitet sich in ihrer Heimat fast nur über Triebe, die am Boden Wurzeln schlagen. Auch die Pflanzen außerhalb Mexikos wurden, soweit ihre Herkunft dokumentiert ist, über Stecklinge vermehrt.
Was die Bestäubungsversuche zeigen
Reisfield bestäubte Blüten im Gewächshaus von Hand. Das Ergebnis:
| Versuch | Blüten | mit Samenansatz | Anteil |
|---|---|---|---|
| Kreuzbestäubung zwischen Pflanzen | 760 | 24 | etwa 3 % |
| Selbstbestäubung | 432 | 11 | etwa 2,5 % |
Zum Vergleich: Der Fruchtknoten jeder Blüte besteht aus vier Teilfrüchten. Schon vor Reisfield hatte der Pharmakologe Leander Valdés 14 Blüten von Hand gekreuzt, vier davon setzten Samen an. Wie viele davon reif wurden, ist nicht überliefert.
Woran es liegt, ist bis heute nicht ganz geklärt. Reisfield fand eine verminderte Fruchtbarkeit des Pollens. Der Pollenschlauch wächst ungehindert durch den Griffel, doch nach dem Erreichen des Fruchtknotens läuft etwas schief. Die Pflanze ist diploid mit elf Chromosomenpaaren. Reisfield vermutete deshalb eine Hybride. Spätere DNA-Analysen von Jenks und Kollegen (2011) sprechen dagegen. Eine Übersichtsarbeit von Casselman und Kollegen (2014) nennt Keimfähigkeit und Bestäubung ausdrücklich als offene Forschungsfragen.
Wie die Pflanze sich ohne Samen ausbreitet
In der Sierra Mazateca fand Reisfield rund 15 Bestände. Sie wuchsen an Bachufern, in feuchten Schluchten und zwischen Kaffeesträuchern. An allen Stellen sah er dasselbe Muster:
- Stängel liegen am Boden oder im flachen Wasser und bewurzeln sich an den Knoten, manchmal auch zwischen den Knoten.
- Abgebrochene Triebe wachsen an der Spitze oder aus den Blattachseln wieder aufwärts.
- Neue kräftige Triebe entstehen in den Achseln alter, absterbender Stängel.
- An verblühten Blütenständen hingen keine Früchte. Wenn sich die Nüsschen nicht entwickeln, fällt auch der Kelch ab, die Achsen waren deshalb ganz kahl.
Reisfield beschreibt die Verbreitung der Art als vom Menschen geprägt. Die Mazateken pflanzen den Salbei an, so steht es auch bei Siebert (2004).
Wenige Aufsammlungen, viele Klone
Außerhalb Mexikos gehen bekannte Pflanzen auf einzelne Aufsammlungen zurück. Einige sind gut dokumentiert:
- 1962, Wasson und Hofmann. Blühende Zweige, die Mazateken aus San José Tenango brachten, wurden zum Typusmaterial der Art. Epling pflanzte 1963 Stecklinge davon im botanischen Garten in Los Angeles.
- 1962, Bunnell. Sterling Bunnell sammelte in Huautla de Jiménez eine Pflanze. Von ihr stammt das meiste Material, das Siebert für seine Studie von 2004 untersuchte, als Stecklinge vermehrt.
- 1991, Blosser. Der Anthropologe Bret Blosser sammelte bei Llano de Arnica in Oaxaca eine Pflanze. Abkömmlinge davon wuchsen später auf Oʻahu (Hawaii) und bildeten dort tatsächlich Samen, aus denen Siebert Keimlinge zog.
Dass ein Klon auf Hawaii keimfähige Samen bildete, zeigt: Unmöglich ist es nicht. Es ist nur sehr selten, und in der Heimat der Pflanze wurde es nie beobachtet.
Was "Salvia-Samen" im Handel meist sind
Wer nach Salvia-Samen sucht, findet Tütchen mit Saatgut von Weißem Salbei (Salvia apiana), Küchensalbei (Salvia officinalis) und vielen Zierarten. Das sind andere Pflanzen. Sie bilden normal Samen und sind nicht als Quelle von Salvinorin A beschrieben. Angebote, die Samen von Salvia divinorum versprechen, solltest du mit großer Vorsicht betrachten: Bei einer Art, die so gut wie nie Samen ansetzt, ist das unwahrscheinlich.
Stecklinge und Pflanzen: in Deutschland verboten
Seit dem 1. März 2008 stehen in Deutschland "Pflanzen und Pflanzenteile" von Salvia divinorum in Anlage I des Betäubungsmittelgesetzes. Ein Steckling ist ein Pflanzenteil, eine bewurzelte Pflanze erst recht. Anbau, Erwerb und Besitz ohne Erlaubnis sind nach § 29 BtMG strafbar. In der Schweiz steht die Pflanze seit dem 1. Mai 2010 im Verzeichnis der verbotenen Betäubungsmittel. Für Österreich ist die Lage weniger eindeutig. Die Einzelheiten stehen auf der Seite Rechtslage.
Eine Kulturanleitung gibt es auf dieser Seite deshalb nicht. Die Seite Herkunft erzählt, wo sie herkommt, und die Seite Die Pflanze zeigt, woran man sie erkennt.
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